Anwendungsgebiet: Nachhaltige Angebotsplanung
 
Innovativ planen
 
Entwicklung neuer Angebote durch Prüfung auf "Neben- bzw. Langzeitwirkungen"

  

Nachhaltige Angebotsplanung ist das zentrale Instrument zur strategischen Ausrichtung von Krankenhäusern, dessen Einsatz wir vor allem bei Veränderungen der Nachfrage, wie sie heute prognostiziert werden und teilweise schon zu beobachten sind - z.B. durch Zunahme von chronischen Erkrankungen oder demografischen Entwicklungen – empfehlen. Damit sprechen wir ein gesundheitspolitisch hoch aktuelles Thema an, das in Zukunft an Dringlichkeit zunehmen und unser Gesundheitssystem vor große Herausforderungen stellen wird: die Versorgung chronisch Kranker.

Oft gehen Anstöße zur Angebotsplanung – wie in unserem Beispiel - von MedizinerInnen einer einzelnen Abteilung aus, denn hier werden nicht nur Vorschläge zu einer besseren Versorgung entwickelt, sondern auch Änderung des Bedarfs und Fehlbelegungen am schnellsten erkannt.

 
Bedarfsgerechte Versorgungsmodelle
 

Eine nachhaltige Planung orientiert sich am Bedarf und berücksichtigt in Entscheidungsprozessen ökonomische, ökologische und soziale Kriterien und Kriterien der Gesundheitsförderung gleichermaßen. Auf dieser Grundlage sind nachhaltige Entscheidungen zu Versorgungsangeboten möglich. Grundlage der Planung ist ein an den aktuellen Entwicklungen adaptiertes Versorgungsmodell, das für eine gesamte Behandlungskette – von der stationären Aufnahme bis zur Sicherstellung der Betreuung zu Hause – ausgerichtet ist und somit optimal an die Bedürfnisse chronisch Kranker oder Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen angepasst ist.

Vergleich von Versorgungsmodellen als solide Grundlage für Entscheidungen

Durch den Vergleich von Versorgungsmodellen wird für EntscheidungsträgerInnen eine solide Grundlage geschaffen herkömmliche Versorgungsangebote mit neu entwickelten Versorgungsmodellen zu vergleichen und nachhaltige Entscheidungen über die zukünftige „Produktpalette“ der Organisation zu treffen.

Kernfragen nachhaltiger Versorgungsplanung

  • Für wie viele PatientInnen kann das Angebot verbessert werden?

  • Wie schneidet ein neues Versorgungsmodell – hinsichtlich aller Qualitätskriterien eines nachhaltigen KH's ab?

Ausgangspunkt der Planung ist die Erhebung des Bedarfs. Die Ergebnisse daraus fließen in ein Berechnungsmodell - das Kernstück des Instruments – ein: Es erfasst ökonomische, ökologische und soziale Auswirkungen von Angeboten und berücksichtigt Aspekte der Gesundheitsförderung. So werden nicht nur das Ausmaß von Fehlbelegungen transparent, sondern auch ihre vielfachen Folgewirkungen.

Beispiele aus dem Pilotprojekt

Im Pilotprojekt konnten wir an einem ganz konkretem Beispiel aus der Beatmungsmedizin, an Hand der Versorgung langzeitbeatmeter PatientInnen zeigen, wie bei der Planung von Angeboten durch Prüfung auf „Neben- bzw. Langzeitwirkungen“ eine Lösung entwickelt werden kann, die Vorteile für PatientInnen bringt, kostengünstiger ist und zugleich die Umwelt schont.

Kern des vorgeschlagenen Versorgungsmodells ist es, die herkömmliche Versorgung langzeitbeatmeter PatientInnen auf zwei hintereinander geschalteten Intensivstationen (2-stufiges Versorgungsmodell) auf eine dritte Station außerhalb des Intensivbereichs zu erweitern (3-stufiges Versorgungsmodell).

Das Weaning Center – ein neues, dreistufige Versorgungsmodell für Langzeitbeatmete

ExpertInnen gehen davon aus, dass die Qualität der Versorgung langzeitbeatmeter PatientInnen durch ein an den Bedürfnissen der PatientInnen und Angehörigen optimal angepasstes Setting, wie es das dreistufige Versorgungsmodell „Weaning Center“ vorschlägt, verbessert werden kann. Auf Basis diese Annahme überprüften wir die Auswirkungen eines Weaning Center nach Kriterien nachhaltiger Entwicklung und diskutierten sie hinsichtlich der Gesundheitsförderung.

Ein Weaning Center* ist ein pneumologisches Kompetenzzentrum, das ein gestuftes Leistungsangebot für PatientInnen mit dem besonderen Bedürfnis einer prolongierten künstlichen Beatmung bis hin zur Heimbeatmung anbietet. Es hat das Ziel durch Verlegung der PatientInnen in jeweils für den spezifischen Behandlungsbedarf der PatientInnen geeignete Einheiten („Step-Down-Units“) eine optimale Versorgung zu ermöglichen. Als Grundlage für ein Weaning Center existieren im Pilotkrankenhaus bereits zwei pneumologische Intensivstationen. Als nächster Entwicklungsschritt zu einem Kompetenzzentrum wird die Einrichtung einer Beatmungsstation außerhalb der Intensivklasse vorgeschlagen (eine so genannte Respiratory Management Unit, RMU).

Das Konzept „Weaning Center“ wurde von Sylvia Hartl, der Stationsleitenden Oberärztin der RCU des Otto Wagner Spitals entwickelt.

* Weaning (engl.) bedeutet „entwöhnen“, gemeint ist hier die „Entwöhnung“
von künstlicher Beatmung.

 

Ergebnisse (Auswahl)

Eine Bedarfsanalyse für den Wiener KAV erhob die Anzahl der Beatmungs- PatientInnen, die außerhalb von Intensivstationen betreut und für die die Versorgung verbessert werden könnte. Darauf aufbauende Berechnungen für ein Weaning Center, das die so erhobenen „Fehlbelegungen“ vermeidet, ergaben eine mögliche Kostenersparnis von 3,7 Millionen Euro pro Jahr (8 % der Kosten für die untersuchte PatientInnengruppe) sowie eine mögliche Materialeinsparung von 318 Tonnen pro Jahr (Produkte mit Verpackung). Die Kosten-Erlöse Relation ergab – bei konservativer Berechnung – keinen nachteiligen Effekt für das Krankenhaus.

 

Schlussfolgerungen

Durch Fehlbelegungen an Intensivstationen (ICUs und RCU) werden Ressourcen (Geld, Zeit und physische Ressourcen) fehl investiert. Durch die Einrichtung einer RMU können diese Fehlbelegungen an Intensivstationen behoben und ökonomische und ökologische Einsparungen bei sozialen Verbesserungen erzielt werden.

Wir schließen daraus:

  • Eine bedarfsgerechte Belegung hat einen großen Einfluss auf alle drei Kerndimensionen nachhaltiger Entwicklung und auf Gesundheitsförderung.

  • Das dadurch generierbare Einsparpotenzial ist viel höher als herkömmliche Effizienz- und Einsparstrategien.

  •  Umweltagenden kommen dadurch in das Kerngeschäft der Organisation.

Für eine nachhaltige Angebotsplanung leiten wir folgende Empfehlungen ab:

  •  Angebotsplanungen müssen auf veränderten Bedarf reagieren, um Fehlbelegungen mit ihren Konsequenzen zu vermeiden

  •  Werden auf Grund von Bedarfsänderungen neue Leistungen, wie Schulungsprogramme für PatientInnen, Angehörigen und Professionelle sowie transmurales Case Management verstärkt angeboten, kann eine nachhaltige Angebotsplanung deren Vorteile nachweisen. Dies soll als Grundlagen dienen diese Leistungen über das LKF-System abzugelten. (Anpassung des LKF Systems).

  • Fehlbelegung soll als ein zentraler Nachhaltigkeitsindikator für Krankenhäuser angesehen werden. Daher schlagen wir vor „Fehlbelegungen“ in das Controllingsystem von Krankenhäusern bzw. ihren Trägern aufzunehmen (und die Grundlagen dafür zu schaffen).

Resumee

Das Beispiel zeigt, dass eine Optimierung der Kernleistungen nach Kriterien nachhaltiger Entwicklung einen weit größeren Handlungsspielraum und ein höheres Verbesserungspotenzial eröffnen kann als herkömmliche Lösungsansätze.